Schöne neue Welt

Immer nur an den bestehenden Verhältnissen herumzunörgeln, hat ja auch keine Zukunft. Deshalb gehe ich der berechtigten Kritik eines meiner drei Leser nach und versuche mal was Kreatives.
Unsere Zukunft wird nämlich ziemlich schwierig. Nörgeln hilft da irgendwann nicht mehr weiter.

Deshalb mach ich mir schon seit Jahren Gedanken darüber, wie denn eine Welt im Gleichgewicht aussehen müsste. Eine, die sogar das tausendjährige Reich überdauern könnte. Weit gekommen bin ich allerdings noch nicht, weil man Überlegungen in dieser Richtung nur unter kompletter Ausschaltung jeglichen Realitätssinns und gesunden Menschenverstandes anstellen kann.

Denn in einem stabilen System darf es niemals eine sich selbst verstärkende Häufung von Kapital geben, wie wir sie zur Zeit erleben, weshalb gewisse gewissenlose, aber einflussreiche Kreise auch kein Interesse an einem stabilen System haben, weil sich – so ein Zufall aber auch – ausgerechnet bei ihnen das Kapital häuft.
So werden bereits die Rahmenbedingungen, unter denen wir im globalen Dorf wirtschaften, komplett ignoriert.

Randbedingungen

  • Die Welt ist zwar groß, aber nicht unendlich und wird zusehends ärmer an unersetzlichen Rohstoffen.
  • Bis wir die schier unendlichen Weiten des Universums ausbeuten können, wird noch eine Weile vergehen.
  • Bis dahin müssen wir mit unserem Planeten und seinen Rohstoffen haushalten, sonst kommen wir nie hier weg.
  • Quasi unbegrenzt vorhanden sind eigentlich nur Sonne, Wind und Wasser, wenn auch ungleichmäßig verteilt.
  • Nachwachsende Rohstoffe, also Pflanzen aller Art, sind ebenfalls solange unbegrenzt vorhanden, solange wir nicht mehr verbrauchen als nachwachsen und darauf achten, dass auch weiterhin genug nachwachsen können.
  • Tierzucht ist wegen dem hohen Ressourcenverbrauch nicht in beliebigem Maße möglich.
  • Alle andern Rohstoffe sind ohnehin nur begrenzt vorhanden und sollten deshalb nicht sinnlos verbrannt und vergeudet werden, zumal die Förderung dieser Rohstoffe enorme Naturzerstörungen nach sich zieht.

Nachhaltiges, weltweites und stetiges Wachstum kann nur gelingen, wenn diese Bedingungen berücksichtigt werden. Wenn nicht, wird’s ständig Kriege geben mit „Negativwachstum“ der weltweiten Bevölkerung, was die Lage dann wieder eine Zeit lang stabilisiert.

Wachstum

Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum für immer weitergehen kann in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.
(Kenneth E. Boulding)

Das gesamte Wachstum seit Beginn der sogenannten industriellen Revolution basiert im Wesentlichen auf der hemmungslosen Ausbeutung der Rohstoffe dieser Welt. Die Kinder, die in Goldminen ihr Leben ruinieren, haben an der Goldpreisentwicklung der letzten Monate garantiert keinen Anteil, obwohl sie es sind, die den Mehrwert produzieren und nicht die Händler, die nur abkassieren.

Gäbe es nicht die vielen Wirtschafts- und Finanzkrisen, wären wir mit unserem Wachstum eh schon längst am Ende.
Allein schon der Wunsch nach exponentiellem Wachstum bei endlichen Ressourcen führt in die Katastrophe, weil die Erwartungen auf Dauer nicht aufrecht zu erhalten sind.

Nachhaltiges Wachstum ist deshalb nur im Rahmen der nachwachsenden Rohstoffe möglich, bzw. durch effizientere Ausbeutung von Sonne-, Wind- und Wasserenergie.
Nachhaltiges Wachstum ist von daher eher linear, und nicht exponentiell, weil Bäume nicht exponentiell in den Himmel wachsen.
Der Wohlstand vermehrt sich dann also konstant um z.B. drei Bäume pro Jahr statt um 3% mehr Bäume als letztes Jahr.

Die nicht endlos vorhandenen Rohstoffe, allen voran natürlich Erdöl, müssen so teuer sein, dass ihr Verbrauch das bisschen Wachstum nachhaltig abwürgt. Nur so kommen die Märkte und Verbraucher zur Vernunft und die Industrie vielleicht auf neue, innovative Ideen.

Wirtschaft

Wenn dann jedes Stück Plastik richtig Geld kostet, bricht die gesamte Weltwirtschaft zusammen. Millionen werden allein in Deutschland arbeitslos.
Da gehen allerdings Arbeitsplätze verloren, die wir uns sowieso nicht leisten können, weil sie unsere Erde zerstören („Wir leben über unsere Verhältnisse“, hat sogar Merkel gesagt).

Wir sind zu effizient geworden, das ist unser Problem. Anstatt dass alle weniger arbeiten, wie es vernünftig wäre, produzieren immer weniger immer mehr Müll und immer mehr Probleme.
Würden wir auf den ganzen Müll verzichten, hätten wir viel Geld gespart, und kämen mit zwei bis drei Tage Arbeit die Woche aus.

Die Gesundheitsindustrie würde zugrunde gehen, weil in Folge der Krankenstand der Arbeitnehmer schlagartig implodieren würde. Das bedeutet noch mehr Arbeitslose, die bisher von Zivilisationskrankheiten gelebt haben, die wir ohne diese Art von „Zivilisation“ gar nicht hätten.

Das Geld, das bisher in solche maroden Industrien gepumpt wurde, ist dann übrig und kann in nachhaltiges Wirtschaften investiert werden. Langfristig fallen dann auch die ganzen Reparatur- und Folgekosten weg.
Die Gesellschaft wird also insgesamt reicher.

Geldsystem

Es ist natürlich klar, dass eine Wirtschaft, die nur linear wächst, nicht auf einem Kreditgeldsystem basieren kann, bei dem die Schulden exponentiell wachsen. Das führt ja schon jetzt regelmäßig zur Krise, eben weil die Wirtschaft (glücklicherweise) nicht exponentiell wächst, sondern immer wieder Einbrüche hat.

„Seltsamerweise“ gibt es in Sachen alternative Geldsysteme scheinbar keinerlei Diskussionsbedarf. Über Wirtschaftssysteme wird zwar schon mal geredet, aber nicht über deren Grundlage, das Geldsystem. Und das nun schon seit dem 17. Jahrhundert, als mit der Bank of England diese Art von Luftgeld geschaffen wurde.

Eine mögliche Alternative wäre das Umlaufgeld von Silvio Gesell, das kein geringerer als John Maynard Keynes seinerzeit sogar als Weltwährung vorgeschlagen hat. Ohne Erfolg, versteht sich.

In einer Wirtschaft, die linear wächst, könnte man sogar ein Kreditgeldsystem mit Zinsen einführen, allerdings ohne Zinseszinsen. Wenn ich also einen Kredit über 1000€ zu 10% Zinsen aufnehme, zahle ich 1100€ zurück. Das triebe heutige Banken in den Ruin.

Die Finanzmärkte würden zusammenbrechen, es gäbe noch mehr Arbeitslose. Weil die aber die ganzen Jahre damit beschäftigt waren, das Geld von unten nach oben umzuverteilen, käme netto sogar ein Gewinn für die Gesellschaft heraus.
Deshalb mögen die da oben das nicht so.

Gesellschaft

Viele unserer gesellschaftlichen Problme rühren daher, dass wir alle zu gestresst sind.
Die, denen es eigentlich gut gehen sollte, weil sie noch Arbeit haben, stehen unter enormem Leistungsdruck. Alle Firmen müssen wachsen, was natürlich nicht ewig geht. Deshalb muss der Druck ständig erhöht und die Arbeitsbedingungen immer mieser werden.

Selbst die, die keine Arbeit haben, stehen unter Stress, weil wir es nicht zulassen, dass die Segnungen der Rationalisierung – weniger Arbeit für alle – unserer Gesellschaft zugute kommen.
Es darf nicht sein, dass die, die für den Produktionsprozess nicht mehr benötigt werden, sich ein gemütliches Leben machen, und sei es in noch so armseligen Verhältnissen, während die andern aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust ständig schlechter werdende Bedingungen hinnehmen müssen.
Es ist pervers: die Arbeiterklasse fordert Bestrafung für Arbeitslosigkeit und hat anschließend Angst vor dem Abstieg in dieses System, das sie selber gefordert hat.
So krank ist unsere Gesellschaft schon.

Das wäre in der schönen neuen Welt mit zwei bis drei Arbeitstagen die Woche und ohne Wachstumsdruck anders.
Wir hätten eher das umgekehrte Problem: was sollen die Menschen mit der vielen Freizeit anfangen, wenn sie nicht mehr exponentiell shoppen gehen können, sondern nur noch linear?

Aber ich denke, das wäre das geringste Problem, denn bis wir so weit sind, wissen die Menschen auch, was sie mit ihrer gewonnenen Freizeit anfangen können.
Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht mehr. Das ist eher das Problem.

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6 Antworten to “Schöne neue Welt”

  1. sehr schöne neue welt, leider nicht erreichbar. aber hut ab, so würde es sicherlich mehr spass machen, es würde wieder kreativer, stress würde verboten ( macht übrigens nachweisbar krank ) und unsere natur hätte bestimmt noch eine minichance.
    lieber arno ein schöner traum den du da hast.

  2. […] Schöne neue Welt Tags » Arnos Schwatzer Blog, Phatasie, Schöne neue Welt « Autor: Olaf Sander Datum: Montag, 22. August 2011 13:09 Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Allgemein Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren […]

  3. …schön zusammengefasst, ausgearbeitet und interpretiert 😉
    Ich mag den Text, der macht einem fast die Augen auf und gibt Hoffnung.
    Wäre da nicht der Peak.
    Peak?
    Ja. Peak. Es gibt eine futurologische Theorie (vergessen wie die heißt und von wem die war. Aber es gibt sie), die besagt, dass wir im letzen Jahrzehnt den Ressourcen-Peak erreicht haben, und somit – selbst bei sofortigem Stopp der Ressourcenverschwendung – niemals wieder soviel Energie erzeugen können, um beispielsweise eine Dyson-Sphäre (oder ähnliche All-Vorhaben) etablieren zu können. Auch nicht, mit Energieformen die wir in den nächsten 50 Jahren erschaffen werden. Wenn dann NUR durch erforschung der Antimaterie. Aber auch da stecken se in der Sackgasse….

    Hoffen tu ich trotzdem 😉

  4. Hey, scharfes Ding hier. Der Text hat es in sich. Habe gerade vor 2 Wochen auc hwa sneues gestartet.
    Das mit dem Peak las ich auch, und deckt sich mit meiner Ahnung. Irgendwann fehlen uns die letzte hundert Liter Öl um die Hülle für ein überlichtschnelles Raumschiff. Da lache ich mich tot.
    Aber hier schau ich öfter rein.
    Gruß Rollinger

  5. Totlachen kostet 3xMana und 4xEnergie-Punkte! So wird das nix mit der Mars-Station, Rolli!

  6. […] schönen Artikel las ich auch auf dem Blog von Arno Schwatzer, Schöne neue Welt, der Titel mag vielleicht auch angelehnt sein an den gleichnamigen Roman von Aldous Huxley, aber […]

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